Krebs wird oft als eine einzige Krankheit betrachtet. Doch selbst Tumore, die im selben Organ entstehen, können sehr unterschiedliche genetische Wege einschlagen.
Eine neue Studie zeigt, dass diese Unterschiede manchmal auf winzige Veränderungen in einem einzelnen Gen zurückzuführen sind. Forschung unter der Leitung von Dr. Derya Deniz özdemir von der Koç University School of Medicine und dem Research Center for Translational Medicine (KUTTAM), veröffentlicht in Naturgenetikzeigt, dass Mutationen in einem der am häufigsten veränderten Gene bei Krebs nicht alle die gleiche Wirkung haben. Die Ergebnisse legen nahe, dass es nicht nur auf das Vorhandensein einer Mutation ankommt, sondern auch darauf, wie stark sie die zelluläre Signalübertragung verändert, was Einfluss darauf haben kann, wie Tumore mit dem Immunsystem interagieren.
Bei dem fraglichen Gen handelt es sich um CTNNB1, das die Anweisungen zum Aufbau eines Proteins namens β-Catenin liefert. Unter normalen Umständen wird β-Catenin durch einen zellulären „Zerstörungskomplex“ streng kontrolliert, der es zur Entfernung markiert, wenn sein Spiegel zu hoch wird. Dieses System wirkt wie ein Bremsmechanismus, der das Zellwachstum unter Kontrolle hält. Wenn das System ausfällt, entweder weil der Zerstörungskomplex selbst mutiert ist oder weil CTNNB1 verändert ist, beginnt sich β-Catenin anzusammeln. Anschließend dringt es in den Zellkern ein und schaltet Gene ein, die das Zellwachstum fördern. Dieser Prozess ermöglicht es Krebszellen, die normale Zellmaschinerie zu kapern und eine unkontrollierte Vermehrung voranzutreiben.
Um zu verstehen, wie verschiedene Mutationen diesen Prozess beeinflussen, verwendeten Forscher der Universität Edinburgh, der UMC Leiden und der Koç-Universität eine fortschrittliche Methode zur Genbearbeitung, die als Sättigungsgenome-Editierung bekannt ist. Anstatt jeweils eine Mutation zu untersuchen, testete das Team systematisch alle 342 möglichen Mutationen innerhalb einer kritischen Region von CTNNB1, die als „Degron-Hotspot“ bekannt ist. Sie führten diese Veränderungen in Mausstammzellen ein und maßen, wie stark jede Mutation die β-Catenin-Signalübertragung aktivierte.
Das Ergebnis war eine umfassende Karte, die zeigt, dass diese Mutationen in ihren Auswirkungen dramatisch variieren. Einige führten nur zu einem sehr geringen Anstieg der Signalübertragung, während andere eine starke Aktivierung der Zellwachstumswege auslösten.
Eines der auffälligsten Ergebnisse der Studie ist, dass Tumore in verschiedenen Organen Mutationen nicht zufällig auswählen. Stattdessen scheint jedes Gewebe Mutationen zu begünstigen, die die β-Catenin-Signalübertragung auf ein bestimmtes Niveau bringen. Wissenschaftler beschreiben dieses Phänomen manchmal als „genau die richtige“ Signalübertragung: Tumore neigen dazu, Mutationen zu entwickeln, die Signalniveaus erzeugen, die weder zu schwach noch übermäßig stark sind, sondern gerade ausreichen, um das Tumorverhalten zu unterstützen.
Beispielsweise neigen Krebserkrankungen des Zentralnervensystems dazu, stärkere Mutationen zu tragen, während sich Nierentumore häufiger um schwächere Mutationen herum ansammeln. Dies legt nahe, dass die lokale Gewebeumgebung eine aktive Rolle dabei spielt, welche Mutationen einen Vorteil bei der Tumorentwicklung bieten.
Einer der klinisch relevantesten Befunde ergab sich bei Leberkrebs, auch Hepatozelluläres Karzinom genannt. Die Forscher fanden heraus, dass Tumore mit schwächeren CTNNB1-Mutationen deutlich mehr Immunzellen enthielten als Tumore mit stärkeren Mutationen.
Diese Beobachtung passt gut zu dem, was Wissenschaftler bereits über die β-Catenin-Signalübertragung wissen: Eine starke β-Catenin-Aktivität kann die Fähigkeit des Immunsystems, Tumore anzugreifen, unterdrücken. Wenn die Signalübertragung schwächer ist, scheinen Immunzellen leichter in den Tumor einzudringen, wodurch die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers effektiver wirken können.
Diese Unterscheidung könnte für Behandlungsentscheidungen von großer Bedeutung sein. Tumore, die mehr Immunzellen enthalten, sprechen im Allgemeinen eher auf eine Immuntherapie an. Dabei handelt es sich um Behandlungen, die das Immunsystem dazu anregen, Krebszellen zu erkennen und zu zerstören.
Letztendlich zeigt die Studie, dass bereits ein einzelner Mutations-Hotspot ein breites Spektrum an Tumorverhalten hervorrufen kann. Das Verständnis nicht nur, ob eine Mutation vorliegt, sondern auch, wie stark sie die zelluläre Signalübertragung beeinflusst, kann daher in Zukunft dazu beitragen, präzisere und personalisiertere Krebsbehandlungsstrategien zu entwickeln.
Quellen:
Krishna, A., et al. (2026). Mutational scanning reveals oncogenic CTNNB1 mutations have diverse effects on signaling. Nature Genetics. DOI: 10.1038/s41588-025-02496-5. https://www.nature.com/articles/s41588-025-02496-5