Unter einem Delir versteht man einen plötzlichen Beginn einer akuten Verwirrtheit, bei der die Betroffenen desorientiert sind, ihre Aufmerksamkeit beeinträchtigen und eine veränderte Wahrnehmung verspüren – oft begleitet von Halluzinationen oder Schlafstörungen. In der Kardiologie handelt es sich um eine der häufigsten, aber auch am meisten unterschätzten Komplikationen. Besonders betroffen sind ältere Patienten, die sich einer Herzoperation oder einem interventionellen Eingriff unterzogen haben. Eine neue internationale Studie zum aktuellen Stand der Technik, an der führende Kardiologen, Herzchirurgen, Intensivmediziner und Psychiater beteiligt waren, kam zu einem alarmierenden Ergebnis: Delir geht weit über vorübergehende Verwirrung hinaus. Es geht mit längeren Aufenthalten auf der Intensivstation und im Krankenhaus, einer erhöhten Sterblichkeit, einer höheren Rate an Pflegeabhängigkeit und einem deutlich erhöhten Risiko einer dauerhaften kognitiven Beeinträchtigung einher. Darüber hinaus ist Delir ein unabhängiger Prädiktor für einen langfristigen geistigen Verfall – selbst bei Personen, die zuvor kognitiv normal waren.
Hohe Delir-Inzidenz – massive Folgen
Je nach Verfahren und Erhebungsmethode entwickelt eine erhebliche Anzahl von Patienten ein Delir. Insbesondere komplexe Herzoperationen, aber auch interventionelle Eingriffe wie TAVR oder PCI sind insbesondere bei sehr alten und vorbestehenden Patienten keineswegs risikofrei. Deshalb sind Prof. Dr. Dr. Enzo Lüsebrink, Kardiologe in Bonn und Co-Letztautor der Studie, und Prof. Dr. Georg Nickenig, Direktor der Klinik für Kardiologie am UKB, klar: „Delirium ist kein Randproblem, sondern eine der zentralen Komplikationen der modernen Herzmedizin.“
Oft übersehen, selten systematisch erfasst
Trotz seiner klinischen Relevanz bleibt das Delir in der kardiovaskulären Praxis oft unerkannt. Insbesondere die sogenannte hypoaktive Form – gekennzeichnet durch Apathie, verminderte Aktivität und Antriebslosigkeit – bleibt oft unerkannt und wird fälschlicherweise als altersbedingt oder erschöpft interpretiert. „Validierte und standardisierte Screening-Instrumente wie die Confusion Assessment Method, kurz CAM, mit der entsprechenden Erweiterung für Intensivstationen, die schnell und zuverlässig einsetzbar sind, werden im klinischen Alltag noch viel zu selten routinemäßig eingesetzt“, sagt Co-Erstautor Endrit Cekaj, Assistenzarzt der Klinik für Kardiologie am UKB.
Prävention ist entscheidend
Ein zentrales Ergebnis der Überprüfung ist, dass die wirksamste Strategie gegen Delir die Prävention ist. Multimodale, nicht-pharmakologische Maßnahmen – darunter Frühmobilisierung, Neuorientierung, Schlafhygiene, kognitive Stimulation, adäquate Schmerzbehandlung und die Einbeziehung von Angehörigen – können die Delirhäufigkeit um bis zu 40 Prozent senken. Allerdings sieht die Studie den routinemäßigen prophylaktischen Einsatz von Medikamenten kritisch.
Wir zeigen auch deutlich, dass ein Delir nicht als unvermeidlich hingenommen werden muss, auch wenn es trotz konsequenter Prävention auftritt.“
Dr. David HV Vogel, Co-Erstautor, Leiter der Forschungsgruppe „Experimentelle Psychopathologie“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, UKB
Basierend auf der aktuellen Evidenz und einem interdisziplinären Expertenkonsens formulieren die Autoren strukturierte Behandlungsansätze, die auf Schweregrad, klinischem Setting und Delir-Subtyp basieren.
Delirbehandlung: evidenzbasiert und praxisnah
Der Fokus liegt weiterhin auf nicht-pharmakologischen Maßnahmen. Diese bilden die therapeutische Grundlage für alle Schweregrade. Darüber hinaus werden pharmakologische Optionen bei klinischer Notwendigkeit differenziert dargestellt. Insbesondere in der Intensivmedizin hat sich das Sedativum Dexmedetomidin bei mittelschwerem bis schwerem Delir als vorteilhaft erwiesen. Je nach Situation und Symptomatik können antipsychotische Substanzen eingesetzt werden, wobei Nutzen und mögliche kardiale Nebenwirkungen sorgfältig abgewogen werden müssen.
„Ein strukturiertes, schrittweises Vorgehen ist entscheidend“, erklärt Prof. Lüsebrink. „Unsere Arbeit zeigt, dass es auch im kardiovaskulären Bereich evidenzbasierte und klinisch praktikable Behandlungsstrategien gibt – vorausgesetzt, das Delir wird frühzeitig erkannt und interdisziplinär behandelt.“ Co-Letztautorin Prof. Dr. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKB, erklärt, warum eine ganzheitliche Betrachtung so wichtig ist: „Wir können unsere Patienten bei Herzerkrankungen erfolgreich medizinisch behandeln. Aber wenn wir Delir nicht systematisch erkennen und verhindern, riskieren wir langfristige Schäden am Gehirn der Betroffenen. Delir-Prävention muss daher ein integraler Bestandteil der Herz-Kreislauf-Versorgung werden.“
Trotz wachsender Erkenntnisse ist die Evidenz speziell für kardiovaskuläre Patientengruppen nach wie vor begrenzt. Die Autoren fordern daher gezielte, prospektive Studien, um konkrete Leitlinien für Prävention und Behandlung zu entwickeln.
Quellen:
Cekaj, E., et al. (2026) Delirium in cardiovascular medicine, European Heart Journal. DOI: 10.1093/eurheartj/ehag088. https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article-abstract/doi/10.1093/eurheartj/ehag088/8490450

