Neuropathischer Schmerz, der durch eine Verletzung oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems verursacht wird, stellt eine große klinische Herausforderung dar und entwickelt sich häufig zu einer chronischen Erkrankung. Wichtig ist, dass bis zu 80 % der Patienten mit Langzeitschmerzen auch unter Angstzuständen oder Depressionen leiden. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, der nicht nur die Prognose und Lebensqualität verschlechtert, sondern auch die Behandlung der Schmerzen und der begleitenden emotionalen Störungen vor große Herausforderungen stellt. Aktuelle Behandlungen konzentrieren sich hauptsächlich auf die Schmerzintensität, während emotionale Symptome oft unzureichend behandelt werden.

Akupunktur, eine alte chinesische Praxis, ist heute weithin anerkannt und in die globale Schmerzbehandlung integriert. Es bietet eine medikamentenfreie Option für Erkrankungen wie chronische Rückenschmerzen, Migräne und Arthritis. Hochwertige klinische Studien haben seine Wirksamkeit bei der Behandlung von akuten und chronischen Schmerzen weiter bestätigt. Über die Schmerzlinderung hinaus zeigt Akupunktur auch gewisse Vorteile bei der Bewältigung schmerzbedingter negativer Emotionen. Während die Forschung zu den potenziellen Mechanismen der Akupunktur-Analgesie bemerkenswerte Fortschritte erzielt hat, sind die neuronalen Mechanismen, die dem Zusammenhang zwischen Akupunktur und schmerzbedingten emotionalen Störungen zugrunde liegen, noch immer kaum verstanden.

Frühere Studien haben gezeigt, dass der präfrontale Kortex eine entscheidende Rolle bei der Integration von Schmerzwahrnehmung und emotionaler Regulierung spielt. Es bleibt jedoch unklar, ob Akupunktur ihre Wirkung durch Modulation des präfrontalen Kortex entfaltet. Angesichts dieser Herausforderungen besteht ein dringender Bedarf zu untersuchen, ob und wie Akupunkturinterventionen den präfrontalen Kortex beeinflussen und bestimmte neuronale Schaltkreise modulieren und dadurch schmerzbedingte emotionale Störungen lindern.

Forscher der Shaanxi University of Chinese Medicine berichteten (DOI: 10.13702/j.1000-0607.20230755) im Januar 2025 in Akupunkturforschung Die Elektroakupunktur linderte in einem Mausmodell neuropathischer Schmerzen durch die Modulation spezifischer erregender Neuronen im Gehirn schmerzbedingte angst- und depressive Verhaltensweisen deutlich. Durch die Kombination von Verhaltenstests mit chemogenetischer Manipulation zeigte das Team, dass die therapeutische Wirkung der Elektroakupunktur von der Aktivierung glutamaterger Neuronen im ventrolateralen orbitalen Kortex abhängt, einer Unterregion des präfrontalen Kortex, die eng mit der emotionalen Verarbeitung verbunden ist. Die Studie liefert direkte neuronale Belege für einen Zusammenhang zwischen akupunkturbasierter Intervention und der Modulation von Gehirnschaltkreisen.

Um die neuronalen Grundlagen schmerzbedingter emotionaler Störungen zu erforschen, etablierten die Forscher ein neuropathisches Schmerzmodell bei Mäusen unter Verwendung der gemeinsamen Ligation des Nervus peroneus. Eine Reihe von Verhaltenstests – darunter Tests auf freiem Feld, erhöhtem Plus-Labyrinth, erzwungenem Schwimmen und Schwanzaufhängungstests – ergaben, dass Nervenverletzungen anhaltendes angst- und depressives Verhalten sowie eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit hervorriefen. Anschließend wurde sieben Tage lang täglich Elektroakupunktur an bestimmten Akupunkturpunkten der Hinterbeine („Yanglingquan“ (GV34) und „Xuanzhong“ (GB34)) angewendet, die üblicherweise zur Schmerzbehandlung verwendet werden.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Elektroakupunktur das emotionale Verhalten deutlich verbesserte, ohne die allgemeine Fortbewegung zu beeinträchtigen, was eher auf eine echte anxiolytische und antidepressive Wirkung als auf ein motorisches Artefakt hinweist. Um den zugrunde liegenden Mechanismus aufzudecken, aktivierte oder hemmte das Team selektiv glutamaterge Neuronen im ventrolateralen orbitalen Kortex mithilfe chemogenetischer Werkzeuge. Die künstliche Aktivierung dieser Neuronen ahmte die emotionalen Vorteile der Elektroakupunktur nach, während ihre Hemmung die therapeutische Wirkung der Elektroakupunktur vollständig blockierte.

Die Immunfluoreszenzanalyse bestätigte außerdem eine erhöhte neuronale Aktivierung nach Elektroakupunktur und zeigte, dass erregende präfrontale Neuronen ein entscheidendes neuronales Substrat sind, das Schmerzlinderung und emotionale Regulierung verbindet.

„Chronischer Schmerz ist nicht nur eine Sinneserfahrung – er verändert die emotionalen Gehirnschaltkreise grundlegend“, sagte einer der leitenden Autoren der Studie. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Elektroakupunktur präfrontale glutamaterge Neuronen direkt angreifen kann, die durch langfristige neuropathische Schmerzen unterdrückt werden. Durch die Wiederherstellung der Aktivität dieses Schaltkreises können emotionale Symptome wie Angstzustände und Depressionen gelindert werden. Dies liefert eine biologische Erklärung für die klinische Beobachtung, dass Akupunktur sowohl Schmerzen als auch Stimmung verbessert, und unterstreicht ihr Potenzial als ergänzende Strategie zur Behandlung komplexer schmerzbedingter Störungen.“

Diese Ergebnisse haben wichtige Implikationen für die Behandlung chronischer Schmerzzustände, die durch emotionale Störungen kompliziert werden. Durch die Identifizierung eines spezifischen präfrontalen neuronalen Schaltkreises, der an schmerzinduzierter Angst und Depression beteiligt ist, eröffnet die Studie neue Wege für präzise Neuromodulationstherapien. Elektroakupunktur kann als risikoarme und nicht-pharmakologische Intervention dazu beitragen, die Abhängigkeit von Antidepressiva oder Opioiden zu verringern, insbesondere bei Patienten mit komorbiden Schmerzen und Stimmungsstörungen. Im weiteren Sinne unterstützen die Ergebnisse einen integrativen neurowissenschaftlichen Rahmen, in dem traditionelle Therapietechniken durch moderne Gehirnschaltkreisanalysen evaluiert und optimiert werden, was möglicherweise ihre Umsetzung in die evidenzbasierte klinische Praxis beschleunigt.


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