Professioneller Tanz ist eine Hochleistungsdisziplin, die erhebliche Risiken für Verletzungen und körperliche Abnutzung birgt. Forscher der Goethe-Universität Frankfurt haben nun erstmals präzise Messungen der Belastung des Bewegungsapparates durchgeführt. An der Studie nahmen 28 professionelle Tänzer teil, die während des Balletttrainings mit Sensoren ausgestattete Anzüge trugen. Die Daten zeigten eine hohe Belastung in allen Trainingsphasen. Die Ergebnisse unterstützen die Entwicklung von Maßnahmen zur Verletzungsprävention und verdeutlichen die hohen körperlichen Anforderungen des Berufs.

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Ballett ist eine Kunst der Illusion: Tänzer scheinen über die Bühne zu schweben und scheinen in ihren Sprüngen für einen Moment der Schwerkraft zu trotzen. Der Aufwand, der hinter dieser Leichtigkeit und Anmut steckt, bleibt für das Publikum meist unsichtbar.

Professioneller Tanz ist ein Hochleistungssport. Es erfordert außergewöhnliche Körperbeherrschung und Athletik, die durch jahrelanges intensives Training entwickelt wurden.“

Professorin Eileen Wanke, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Goethe-Universität Frankfurt

Wanke bringt persönliche Erfahrungen in diese Forschung ein, da er zuvor als professioneller Tänzer aufgetreten ist. Heute untersucht sie ihr ehemaliges Fachgebiet aus medizinischer Sicht. Die körperlichen Belastungen durch Training, Proben und Auftritte fordern deutlich ihren Tribut: Rund die Hälfte aller Tänzer erleidet jedes Jahr mindestens einen Arbeitsunfall. Zu den häufigsten Verletzungen zählen Zerrungen und Verstauchungen der Beine, Knöchel und Füße sowie Probleme im unteren Rückenbereich. Viele arbeiten trotz Schmerzen weiter, angetrieben von ihrem Engagement für den Beruf. Mit Ende Zwanzig erkrankten 25 Prozent bereits an Arthrose – eine hohe Zahl im Vergleich zu deutlich unter 5 Prozent in der Allgemeinbevölkerung.

Mit Sensoren ausgestattete Anzüge

Objektive Messungen der körperlichen Anforderungen des professionellen Tanzes sind bisher rar. Die neue Studie adressiert diese Lücke und wurde in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tanzfilminstitut Bremen und den Unfallversicherungsträgern von Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen durchgeführt. Zur Datenerhebung nutzten Wanke und ihr Team – zusammen mit dem österreichischen Physiker und Biomechaniker Dr. Christian Maurer-Grubinger – eine innovative Methode: 16 Tänzerinnen und 12 Tänzer des Oldenburgischen Staatstheaters und des Theaters Kiel trugen beim Training sensorgesteuerte Anzüge. Diese zeichneten Beschleunigung und Körperpositionierung für Kopf, Rumpf, Arme, Handgelenke, Beine und Füße mit einer Rate von 240 Messungen pro Sekunde auf. Die Daten wurden zur Analyse drahtlos an einen Computer übertragen.

„Wir haben ein in der Arbeitsmedizin weit verbreitetes System zur Beurteilung der körperlichen Belastung genutzt“, erklärt Wanke. „Typischerweise bewerten geschulte Beobachter charakteristische Bewegungen in bestimmten Berufen, beispielsweise durch Videoanalyse. Bei unserem Ansatz werden die Daten stattdessen durch ein speziell für dieses Projekt entwickeltes Programm erfasst.“ Jeder Bewegung oder Körperhaltung wird eine Bewertung zugeordnet: Je höher die Belastung von Gelenken, Muskeln, Bändern und Sehnen, desto höher ist die „Rapid Entire Body Assessment“- oder REBA-Bewertung.

Verletzungsgefahr beim Training

„Unsere Teilnehmer verbrachten mehr als 60 Prozent ihrer Trainingszeit im mittleren Risikobereich, weitere 30 Prozent im Hochrisikobereich“, sagt Wanke. Schon während des Trainings ist das Risiko daher erheblich – obwohl das Training nicht nur auf den Erhalt der Technik, sondern auch auf die Vermeidung von Verletzungen abzielt. Tänzerinnen verbrachten mehr Zeit in Bereichen mit höherem Risiko als ihre männlichen Kollegen und waren daher im Durchschnitt einer größeren ergonomischen Belastung ausgesetzt. Dies kann zum Teil durch Unterschiede in der Körperstruktur erklärt werden, was bedeutet, dass bestimmte Bewegungen oder Körperhaltungen sie stärker belasten.

Die klassische Tanzausbildung hat sich in den letzten 300 Jahren kaum verändert. Es folgt einem dreiphasigen Aufbau: Phase 1 besteht aus Übungen an der Stange, während die Phasen 2 und 3 im Freien stattfinden – beginnend mit langsamen Bewegungsabläufen, gefolgt von Pirouetten und gipfeln in großen Sprüngen. Mit fortschreitendem Training werden die Übungen immer dynamischer und stellen höhere Anforderungen an das Herz-Kreislauf-System sowie an Konzentration, Koordination und Körperbeherrschung. „Studien zeigen, dass die Konzentration in Phase 3 tendenziell nachlässt, was zu häufigeren Fehlern und Ungenauigkeiten führt“, erklärt Wanke.

Optimierungsmöglichkeiten

Insgesamt deuten die Daten darauf hin, dass besonders anspruchsvolle dynamische Übungen, wie in anderen Sportarten üblich, früher in die Trainingseinheiten eingeplant werden sollten. Das Training könnte auch geschlechtsspezifischer angepasst werden, um den unterschiedlichen körperlichen Anforderungen Rechnung zu tragen. Organisatorische Veränderungen an Veranstaltungsorten können zusätzlich dazu beitragen, das Risiko von Verletzungen und verschleißbedingten Erkrankungen zu verringern. Bei Sprüngen sind Knochen, Muskeln und Gelenke hohen Kräften ausgesetzt – insbesondere bei der Landung. Spezialisierte Tanzböden können diese Belastung deutlich reduzieren. Während viele Institutionen in Schulungsräumen über solche Bodenbeläge verfügen, fehlt es auf Proben- und Aufführungsbühnen oft noch.

Bestehende Bodenbeläge können weiter optimiert werden. Welche strukturellen Maßnahmen zur Kräftereduzierung im Tanz am effektivsten sind, wurde jedoch noch nicht systematisch untersucht. „Dies wäre ein wichtiger Schwerpunkt für die zukünftige Forschung“, schließt Wanke.


Quellen:

Journal reference:

Fehringer, V., et al. (2025). Ergonomic Risk Assessment of Professional Dance Using Motion Capture with Ergonomic Evaluation by the Rapid Entire Body Assessment (REBA). Sensors. DOI: 10.3390/s26010070. https://www.mdpi.com/1424-8220/26/1/70